Vom Goethe-Erbe zur modernen DWD-Station: Die heißesten Jahre in einer der längsten Klimazeitreihen Deutschlands
Die heißesten Jahre in einer der längsten kontinuierlichen Messreihen: Fachexkursion der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft an der Wetterstation Jena-Schillergässchen
Teilnehmer der DMG-Exkursion besichtigen die Messinstrumente
Foto: Michael Jung
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Meldung vom: | Verfasser/in: Kai Uwe Totsche
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Messen im Geiste Goethes: Der historische Heliograph im Schillergässchen fängt die Sonnenstunden ein – Symbol für mehr als zwei Jahrhunderte kontinuierliche Klimabeobachtung in Jena
Foto: Kai TotscheWenn wir in den letzten Jahren auf die thermischen Rekorde blicken, wird der globale Wandel auch vor Ort unübersehbar: Die jüngsten Jahre zählen zu den heißesten seit Beginn moderner Aufzeichnungen. Doch wie lassen sich diese Extreme in einen jahrhundertelangen historischen Kontext einordnen? Diesem spannenden Fragekomplex ging kürzlich eine Fachexkursion der Sektion Mitteldeutschland der Deutschen Meteorologischen GesellschaftExterner Link (DMG) nach. Unter der Leitung von Dr. Astrid Ziemann (TU Dresden) besuchte die Expertengruppe die traditionsreiche, vom Deutschen Wetterdienst (DWD) betriebene Wetterstation im Jenaer Schillergässchen (Station-ID: 02444). Der folgende Beitrag beleuchtet die faszinierenden historischen Wurzeln, das Erbe des großen Jubiläums sowie die klaren klimatologischen Trends dieser außergewöhnlichen Langzeitmessreihe.
Von Goethe, Carl August und den Anfängen im 18. und 19. Jahrhundert
Die Klimastation in Jena blickt auf eine einmalige Historie zurück, deren Wurzeln tief in die Geistesgeschichte der Klassikerstadt ragen:
- Frühe Vorläufer: Erste tägliche Wetterbeobachtungen im Stadtgebiet gingen bereits im Jahr 1770 auf den Pfarrer I. G. Ch. Zeissing zurück (später fortgeführt in Isserstedt). Zwischen 1782 und 1801 folgten regelmäßige Aufzeichnungen des Mathematik- und Physikprofessors L. J. D. Suckow an der Kollegiengasse.
- Die Sternwartengründung (1812/1813): Die Initiative für die feste meteorologische Station ging auf Herzog Carl August von Weimar und sein Ministerium bzw. Johann Wolfgang von Goethe zurück. Als Anbau an das Schillerhaus wurde eine Sternwarte errichtet, an der unter dem ersten Direktor Carl Dietrich von Münchow im Oktober 1813 der reguläre Messbetrieb begann.
- Das erste staatliche Messnetz: Auf Betreiben von Carl August und Goethe entstand zwischen 1816 und 1825 das erste staatliche meteorologische Messnetz Deutschlands. Die Instrumente fertigte der Jenaer Universitätsmechanikus Friedrich Körner nach Vorgaben von Goethe an.
- Kontinuität unter Ludwig Schrön und Ernst Abbe: Nach der Schließung der übrigen Netzstationen im Jahr 1832 blieb Jena als einzige Station kontinuierlich bestehen. Nach wechselvollen Jahrzehnten und unter der Ägide von Ernst Abbe, der ab 1878 die Beobachtungen wiederbelebte, wurden 1887 die bis heute gültigen Ablesetermine um 7, 14 und 21 Uhr eingeführt.
Abgesehen von kurzen, kriegs- oder nutzungsbedingten Ausweichstandorten – wie im Sommer 1945 in der Löbderstraße oder von 1951 bis 1954 in der Wöllnitzer Straße, dem heutigen Ort der Hydrogeologischen Labore – wird am Stammstandort im Schillergässchen seit 1879 ununterbrochen gemessen.
Meilenstein der Würdigung: Das 200-Jahre-Jubiläum und die Rolle der Langzeitbeobachtung
Die DWD-Wetterstation 2444 am Standort Schillergässchen, Jena
Foto: Kai TotscheDie immense wissenschaftliche Bedeutung der Station fand nicht zuletzt in dem großen Jubiläumskolloquium unter dem Titel „Goethes weiteres Erbe: 200 Jahre Klimastation in Jena“ und der Fachtagung „Lange Zeitreihen und schnelle Prozesse: Die wiederentdeckte Rolle der Langzeitbeobachtung in Geowissenschaften, Klimatologie und Hydrologie“ ihren Ausdruck.
Gemeinsam ausgerichtet vom Lehrstuhl für Hydrogeologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Deutschen WetterdienstExterner Link, der Deutschen Meteorologischen GesellschaftExterner Link sowie der Thüringer Klimaagentur der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (heute: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz), spannte die Veranstaltung den Bogen von historischen Aufzeichnungsmethoden bis hin zur systemaren Kopplung mit Daten der Hydrosphäre, Biosphäre, Kryosphäre und Lithosphäre. Die Tagung verdeutlichte eindrucksvoll, dass präzise Langzeitdaten das fundamentale Rückgrat bilden, um komplexe Rückkopplungsprozesse und den globalen Wandel zu verstehen.
Organisation, Moderne Messtechnik und der Blick in den Untergrund
Exkursion der Deutschen Meteorologische Gesellschaft e.V.
Foto: Astrid ZiemannOrganisatorisch ist die Wetterstation am Lehrstuhl für Hydrogeologie der Universität Jena angeschlossen. Regelmäßig führen wir Besucherinnen und Besucher – wie nun auch die Fachgruppe der DMG-Sektion Mitteldeutschland unter Leitung von Dr. Astrid Ziemann – über das Gelände der Station.
Dabei erklären wir die Bedeutung atmosphärischer Wetteraufzeichnungen und schlagen den Bogen zur Hydrogeologie und Geologie: Langjährige Oberflächendaten sind unverzichtbar, um auch die klimawandelbedingten Veränderungen und Prozesse Untertage, im Boden, der Aerationszone und im grundwasserraum zu verstehen (siehe dazu auch Klimawandel im Untergrund).
Messgeräte der DWD-Station "Jena (Sternwarte)"
Foto: Michael JungHeute präsentiert sich die DWD-Wetterstation 2444 als Betriebspunkt, der modernste Sensorik mit historischem Erbe verbindet:
Vollautomation durch den DWD und Datenharmonisierung: Seit August 2004 wird die Station als automatische, fernüberwachte Anlage direkt vom Deutschen Wetterdienst betrieben. Für nahtlose wissenschaftliche Langzeit-Zeitreihen – wie sie etwa am Max-Planck-Institut für Biogeochemie gepflegt werden – fließen ab 2004 unter Berücksichtigung von Standort- und Standartanpassungen zudem harmonisierte Daten der MPI-Wetterstation auf dem Beutenberg ein.
Präzises Messprogramm: Zum aktuellen Equipment gehören Widerstandsthermometer für Luft- (in verschiedenen Höhen) und Bodentemperaturen, Hygrometer, Anemometer in 16 Metern Höhe, Pyranometer für die Globalstrahlung sowie Hellmann-Niederschlagsmesser.
Das Erbe der Beobachter: Trotz vollständiger technischer Automation schätzen wir es an unserem Institut – in direkter Nachfolge von langjährigen Beobachtern wie Helmut Kauf und Christine Luge –, bestimmte Parameter wie den Himmelsbedeckungsgrad, Sichtweiten und Niederschläge mit geschultem Auge zu begleiten. Auch der historische Heliograph zur Registrierung der Sonnenscheindauer erinnert an den klassischen Messbetrieb.
Klimatrends und Hitzerekorde im Spiegel der Jenaer Zeitreihe
In Jena seit 1770 aufgezeichnete Jahresmitteltemperaturen. Schwarz: Frühe Beobachtungen von Zeissing (1770–1781) und Suckow in der Kollegiengasse in der Jenaer Innenstadt (1782–1800). Grün: Beobachtungen der Wetterstation „Sternwarte“ bis zur letzten Stationsverlegung (1904), zusammengestellt von Grebe (1936). Alle frühen Daten bis 1904 wurden von Berkeley Earth („https://berkeleyearth.org“) unter Verwendung regionaler erwarteter Temperaturanomalien um systematische Fehler (Biases) bereinigt. Blau: Beobachtungen der Station „Sternwarte“ nach 1904, archiviert auf dem Open-Data-Server des Deutschen Wetterdienstes (DWD, „https://opendata.dwd.de“). Rote Linie: Langzeittrend, angepasst an den vollständigen, bias-bereinigten Datensatz. Gestrichelte Linie: Langzeittrend, angepasst an die ursprünglichen, unkorrigierten Daten vom DWD-Datenserver. Heimann, 2026
Foto: Martin HeimannDie wissenschaftliche Aufbereitung und Homogenisierung der Temperaturdaten – maßgeblich vorangetrieben durch Prof. Dr. Martin Heimann (Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Biogeochemie) unter Einbindung von Methoden wie dem Berkeley Earth Project sowie der Einbeziehung korrigierter Daten der MPI-Wetterstation ab dem Jahr 2004 – offenbart unmissverständliche klimatologische Trends:
- Langfristiger Temperaturanstieg: Nach einer relativen thermischen Stabilität im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kletterte die Jahresmitteltemperatur in Jena seit 1950 kontinuierlich um etwa nach oben.
- Sommer als Erwärmungsschwerpunkt: Den stärksten saisonalen Anstieg verzeichnen die Sommermonate (Juni, Juli, August) mit einem Plus von rund seit 1950.
- Zunahme von Extremen: Tage mit Höchsttemperaturen von mehr als haben in den letzten Jahrzehnten drastisch an Häufigkeit und Intensität zugenommen. Gleichzeitig ist ein massiver Rückgang strenger Frosttage mit Minima unter zu verzeichnen.
Fazit
Teilnehmer der DMG-Exkursion im Garten des Astrophysikalischen Instituts und der Universitätssternwarte
Foto: Michael JungDer Besuch der DMG-Fachexkursion der Sektion Mitteldeutschland im Schillergässchen hat einmal mehr gezeigt, wie eng Kulturgeschichte, historische Verantwortung und modernste Erdsystemforschung in Jena verknüpft sind. Getreu der historischen Instruktion aus Goethes Tagen, möglichst viele und pünktliche Beobachtungen zu sammeln, „damit wenigstens unsere Nachkommen etwas finden, woran sie sich halten können“, liefern die Daten aus dem Schillergässchen – über wie unter Tage – einen unschätzbaren Beitrag zur Bewältigung der klimatischen Herausforderungen unserer Gegenwart.
Kai Uwe Totsche, Prof. Dr.
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